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„Wir reiten für Deutschland“ – Buchvorstellung

Test & Bewertung 12. Oktober 2013

 
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„Wir reiten für Deutschland“ – 100 Jahre Pferdesport im Deutschen Olympiade-Komitee für Reiterei

„Ich reite für Deutschland“ – das haben wohl unzählige Reiter stolz verkündet. Wenn dies heute eine eigentlich gebürtige US-Amerikanerin wie Meredith Michaels-Beerbaum sagt, hat dies einen ganz anderen Kontext, als es jener bei den Reitern während der Herrschaft des Nationalsozialismus war. Einmal ist man begeistert, eine Reiterin anderer Nation stolz für Deutschland reiten zu beobachten, blickt man auf den anderen Anlass zurück bleibt man erstarrt angesichts der Tatsache, dass jene Reiter damals für eine Schreckensherrschaft ritten.

Es ist viel passiert in 100 Jahren Pferdesport im Deutschen Olympiade-Komitee für Reiterei! Aufgrund des Jubiläums lässt nun ein Prachtband aus dem FN-Verlag die Geschichte Revue passieren. Stolze 49,95 € kostet das knapp 400 Seiten starke Werk, doch es ist jeden Cent wert – zumindest für all jene, die schon immer einmal eine Reise durch den deutschen Pferdesport und seine Geschichte unternehmen wollten.

Anekdoten werden hier ebenso zum Besten gegeben, wie ernsthafte Diskussionen. Vor allem begeistert aber das Bildmaterial aus 100 Jahren Reitsportgeschichte. Was da zum Teil noch ausgegraben wurde, lässt längst vergangene Zeiten wieder aufleben.  Von 1912 finden sich da ebenso Bilder wie von den Olympischen Spielen in London. So kommen Menschen aller Generationen bei diesem Buch auf ihre Kosten. Die Älteren werden sich an Bildern und Geschichten rund um Hans-Günther Winkler, Fritz Thiedemann, Liselott Linsenhoff und Dr. Reiner Klimke erfreuen, die Jungen blicken auf MMB, Ludger Beerbaum, Marcus Ehning und den Mauerfall von Aachen 2006 oder auf Hinrich Romeike und Michael Jung, welche die Vielseitigkeit in den vergangenen Jahren populär machten wie kaum eine andere Reitsportdisziplin.

Kim Kreling, Reinhard Wendt, Susanne Hennig und Thomas Hartwig sind allesamt Koryphäen des Reitsportjournalismus. Ihnen ist ein Buch gelungen, das fast als eine Chronik des Reitsports fungieren kann. Denn vor den letzten 100 Jahren tat sich noch wenig im deutschen Sport – wohl auch weil Wilhelm II., seines Zeichens Kaiser des Deutschen Reiches, den deutschen Reitern verbot, im Ausland auf Turnieren zu reiten. Einer seiner Söhne regte an, diese Haltung aufzugeben, erfährt man im Buch… Ein Glück für Deutschland und seine Reiterei!

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Wir reiten für Deutschland

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Der neue Chef des IOC, Dr. Thomas Bach, sowie Breido Graf zu Rantzau, Chef der Deutschen Reiterlichen Vereinigung sowie des Olympiade-Komitees für Reiterei, lassen sich ihre Grußworte nicht nehmen – doch dann darf der Leser sofort eintauchen ins Jahr 1913, Gründung des DOKR. Im Schnelldurchlauf wird dann zunächst dessen Geschichte bis in die heutige Zeit beschrieben. Hier sind vor allem jene zu begeistern, die sich intensiv mit dem deutschen Verband auseinandersetzen wollen. Interessant und informativ wurde jedoch auch dieses eher trocken erscheinende Kapitel gestaltet, auch wenn es später deutlich spannender wird. Beispielsweise bei einem Ritt durch die olympische Geschichte vor der ersten Teilnahme von Deutschland an den Reiterspielen 1912.

Dieses Jahr steht dann zunächst einmal im Fokus – wie schnitten die Deutschen damals ab? Die ganze Tragik nach jenen zunächst einzigen Spielen mit deutscher Reiterbeteiligung wird deutlich angesichts des Kriegsschreckens ab 1914, in dem auch zahllose Pferde ihr Leben lassen mussten. Erst 1928 waren wieder deutsche Reiter bei Olympia mit von der Partie. Aber wie sah in der Zwischenzeit Voltigieren bei Olympia aus? Und warum sprang man 1920 auch schon mal über einen Stuhl – und das erstmals im leichten Sitz? Nach 16 Jahren Nichtteilnahme gibt es 1928 Doppelgold in der Dressur für Deutschland – eine Erfolgsgeschichte nimmt ihren Anfang. Carl-Friedrich Freiherr von Langen gewinnt damals Einzelgold (und ist auch im Springen mit von der Partie) – ihm ist damit das erste Großporträt von vielen im Buch gewidmet. Hier werden stets die Leistungen der einzelnen Reiter und ihre Geschichte im Besonderen beschrieben.

1932 zieht es nur wenige Länder zu den Olympischen Spielen nach Los Angeles – zu weit ist der Weg, Deutschland ist ebenfalls nicht dabei. 1936 gibt es dann erneut Siege auf ganzer Linie in Berlin, Deutschland gewinnt in sechs Disziplinen sechs Mal Gold – unter dem Hakenkreuz hätte es auch gar nicht anders sein dürfen. Der Zweite Weltkrieg beginnt, (Reitsport-)Deutschland steht still.

Neben den ausgiebig beschriebenen Großereignissen in eigenen Artikeln erfährt man in einer Spalte unten stets, was sonst noch in den Jahren geschah – reiterlich und sportgeschichtlich. Hier findet man auch die tragische Geschichte von Derbygründer Eduard Pulvermann, der im KZ stirbt. Neben ihm kommt ein Großteil der Olympiasieger von 1936 ums Leben. Das wohl tragischste Kapitel deutscher Reitsportgeschichte.

1952 ist Deutschland wieder bei Olympischen Spielen dabei. Fritz Thiedemann und sein legendärer Meteor holen Bronze im Einzelspringen. Und Thiedemann reitet auch noch Dressur – ebenfalls zu Bronze (mit der Mannschaft). Wer hätte das gedacht?

Dann folgen 1956 die Spiele von Halla und Hans-Günther Winkler. Jene Geschichte vom verletzten HGW und seiner fast allein springenden „Wunderstute“ ist wohl auch heute noch jedem Reitsportfan bekannt. Natürlich gibt es dazu – wie auch mit einigen anderen Reitern zu anderen Themen – ein großes Interview mit dem mittlerweile 87-jährigen HGW. Interessante Einblicke gibt es in wohl jedem der Interviews, die das Buch angenehm auffrischen. Da erzählt beispielsweise Ruth Klimke von  ihren olympischen Erfahrungen als Ehefrau von Dr. Reiner Klimke und  Mutter von Ingrid Klimke. Madeleine Winter-Schulze berichtet, wie sie zur Mäzenin von Ludger Beerbaum, Isabell Werth und Ingrid Klimke wurde. Und auch Ann-Kathrin Linsenhoff beschreibt, wie unterschiedlich es war, Olympia bei den Erfolgen ihrer Mutter oder dann doch selbst im Sattel zu erleben.

Über die großen Auftritte einer Liselott Linsenhoff in der Dressur und der Schockemöhles im Springen geht es langsam Richtung reiterlicher „Neuzeit“. Ein Dr. Reiner Klimke ist immer noch dabei (seit mehr als zwei Jahrzehnten), als die jungen Wilden um Nicole Uphoff in Seoul 1988 erstmals triumphieren. Im Springen ist erstmals ein Ludger Beerbaum Mannschafts-Olympiasieger – vier Jahre danach gelingt ihm das Kunststück im Einzel, danach noch zweimal mit der Mannschaft. Je näher wir der Gegenwart kommen, desto ausführlicher wird die Berichterstattung der Olympischen Spiele. Vielleicht ist das für einige ältere Leser schade, aber letztendlich kann man es nachvollziehen.

Ab 1990 wird auch über die Weltreiterspiele berichtet – in diesem Jahr wurden die WEG, wie wir sie heute kennen, erstmals als Gesamtpaket verschiedener Disziplinen ausgetragen. Dabei werden auch Disziplinen wie Voltigieren und Fahren, sowie deren Helden, ebenfalls  in den Mittelpunkt gestellt. Hannlore Brenner berichtet hier ebenfalls im Interview von den ersten WEG in Kentucky 2010, bei denen Parareiter gemeinsam bei einem Turnier mit den Regelsportlern starten durften.

Ohne Zweifel kann man in „Wir reiten für Deutschland“ eine ganze Weile schmökern! Jede Veranstaltung für sich ist ein Kapitel Reitsportgeschichte, das sich am Ende zu einem großen Ganzen zusammenfügt. Ich glaube, es gibt niemanden, der hier nicht noch allerlei Neues erfahren könnte – sei es bei der Beschreibung der Großveranstaltungen oder im kleinen „Was sonst noch geschah“.

Irgendwann ist man dann bei den sensationellen Weltreiterspielen von Aachen 2006 angelangt und im Galopp geht es weiter Richtung London 2012. 100 Jahre DOKR sind eine lange Zeit, doch die Geschichte wird jeden Tag weitergeschrieben.

Fazit: Unbedingt lesenswert! Ein ideales Geburtstags- oder baldiges Weihnachtsgeschenk für alle Pferdefreunde, die sich auch für die Kultur- und Sportgeschichte des deutschen Pferdes und der Reiterei interessieren.

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