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Britta Näpel – Interview vor der Europameisterschaft

Portraits und Interviews unserer Reiter 10. August 2013

 
Dressur

Die Para-Dressurreiter werden in diesem Jahr erstmals bei einer Europameisterschaft zur gleichen Zeit und am gleichen Ort – nämlich im dänischen Herning – an den Start gehen wie die Dressur- und Springreiter. Ein weiterer großer Schritt für die Para-Dressur, die sich mittlerweile in der internationalen Reiterfamilie voll akzeptiert fühlen kann!

Eine Reiterin, die schon bei drei Paralympics dabei war und zahllose Medaillen – unter anderem auch Einzel-Gold aus Hongkong – mitbrachte, ist Britta Näpel. Die 47-jährige leidet seit einem Unfall mit Insektenschutzmitteln 1998 unter spastischen Lähmungen, die ihr eine normale Einwirkung mit den Beinen im Sattel unmöglich machen.

In den vergangenen Jahren feierte sie große Erfolge mit der Stute Aquilina, die sie nun auch in Herning ein letztes Mal satteln möchte bevor diese wieder zu ihrer Besitzerin zurückgeht. Näpel ist aktuell auf der Suche nach einem neuen Pferd – und hofft, dass sie, nach bisher nur wenig Resonanz von Pferdebesitzern, doch noch in absehbarer Zeit eines zur Verfügung gestellt bekommt, mit dem sie auf die WM in der Normandie und Rio 2016 hinarbeiten kann…

Über ihre besondere Beziehung zu Stute Aquilina, die Herausforderungen des Para-Sports, ihren Alltag sowie ihren größten Wunsch, einmal mit Ingrid Klimke zu trainieren, hat sie mit mir gesprochen…



 

„Egal wie Du fällst, es gibt immer einen Weg nach oben!“ Das ist Britta Näpels Lebensmotto. Sie ist eine Frau, die nicht aufgibt. Nach ihrem schweren Unfall mit Pflanzenschutzmitteln 1998 haderte sie zwar schon mit dem Schicksal. Doch konnte sie sich nach dem Schock wieder aufraffen. Aufgeben gilt nicht, so ihre Devise. Dennoch leidet die 47-jährige bis heute unter spastischen Lähmungen, die einen normalen „Alltag“ nicht mehr zulassen: „Es gibt bei mir keine „normalen“ Tage… Das ist Wunschdenken. Ich versuche morgens meine Pferde zu arbeiten, organisiere für den Betrieb das Futter, fahre Heu und Stroh in den Stall, fahre mit dem Bahnplaner in der Halle herum, ab mittags beginnt bei uns in der Halle die Therapie, da habe ich nichts mehr mit zu tun, also zu Hause an den Schreibtisch, Rechnungen überweisen, meine Tiere daheim versorgen… Dann manchmal noch Reitunterricht geben oder selber zum Training fahren zu Uta Gräf, die seit Jahren mit mir zusammenarbeitet. Meine Freizeit besteht aus Hundeausbildung und Jagd, meinem Hobby.“

Die Lebensfreude konnte der Unfall Britta nicht nehmen, wohl aber musste sie ihren Körper ganz neu kennenlernen. „Es war für mich in erster Linie schwierig , mein verändertes Reitgefühl zu akzeptieren. Dem Kopf ist zwar schon bewusst, wie die Hilfen zu geben sind und der Körper führt diese Signale nicht mehr aus und das ist wirklich frustrierend! Mein so schön sensibel gerittenes Pony ging am Anfang meiner Erkrankung nur noch seitwärts, weil es nicht verstand, was ich von ihm wollte…. Ich habe damals schon die ein oder andere Träne verdrückt und musste mich entscheiden: Entweder aufhören oder Zähne zusammen beißen, nach Lösungen suchen und weitermachen!!! Ich glaube der große Vorteil war, dass ich vorher wusste, wie sich das Reiten anfühlt und deshalb habe ich mich mit meiner langjährigen Reiterfahrung, in der ich unzählig viele Pferde geritten und angeritten habe, ziemlich schnell im Parasport zurechtgefunden.“

In den vergangenen Jahren konnte Britta Näpel sich als eine der besten Reiterinnen im Parasport etablieren. Sie war bereits 2004 in Athen bei den Olympischen Spielen dabei, holte damals Silber mit der Mannschaft. 2008 in Hongkong dann das Highlight: Gold im Einzel, Silber mit der Mannschaft, Bronze in der Kür. Dazu kamen in London 2012 noch einmal drei Silbermedaillen. „Jeder Erfolg war einzigartig und ich kann mich auch an alle Medaillen noch erinnern – und es freut mich besonders, dass ich diese Erfolge auf unterschiedlichsten Pferden erringen konnte.“

Aktuell sind bei Britta Näpel alle Blicke auf die Europameisterschaften im dänischen Herning Ende August 2013 gerichtet. Erstmals werden die Reiter mit Handicap bei kontinentalen Titelkämpfen mit den Regelsportlern gemeinsam antreten. Ein besonderes Erlebnis. „Ich freue mich auf jede Meisterschaft, aber es hat in der Tat einen besonderen „Flair“, wenn wir mit den anderen Disziplinen dabei sind – seit Kentucky werden wir voll akzeptiert und das ist natürlich ein tolles Gefühl und macht stolz!“

Und noch aus einem anderen Grund möchte Britta gemeinsam mit ihrer Stute Aquilina das Beste geben. Es wird das letzte Championat sein, das sie gemeinsam absolvieren. Aquilina sollte bereits nach den erfolgreichen Olympischen Spielen in London zurück zu ihrer Besitzerin, Birgit Weiß, gehen. Zuvor hatte Britta mit der Stute nicht nur die drei Olympischen Medaillen geholt, sondern auch bei den Weltmeisterschaften in Kentucky und der EM in Moorsele diverse Medaillen abgesahnt.

Doch dann geriet Britta in die Notlage, kein passendes Pferd für die Europameisterschaften zur Verfügung zu haben.

„Frau Weiß, die Besitzerin,  ging auf meine Angebote, Aquilina zu kaufen, nach den Olympischen Spielen nie ein… Da habe ich auch Verständnis dafür, schließlich ist die Stute selbst gezüchtet und ein Familienmitglied. Ich habe gehofft, durch ein anderes Pferd, welches ich zur Verfügung gestellt bekam, Aquilina ersetzen zu können, allerdings ging mein neues Pferd Bully immer wieder mal unsauber und nachdem ich ihn geröntgt hatte, wurde ein Chip im Gelenk festgestellt und damit war die Karriere leider beendet. Völlig frustriert rief ich Birgit Weiß an und fragte sie, ob ich Aquilina nochmal bekommen könnte… Als sie ohne zu zögern zusagte, sind mir vor Erleichterung die Tränen gekommen! Nach völliger Verzweiflung, dass ich kein Pferd für die EM haben würde, fühlte ich nun durch den Umstand, dass Frau Weiß mir supertollerweise nochmal Aquilina zur Verfügung stellt, große Erleichterung und Vorfreude auf das Championat!“

Neben Aquilina steht Britta mittlerweile sogar noch ein zweites Pferd für die EM zur Verfügung: Florentino. „Herr Arnold Winter von der Wintermühle hat mit in einer unglaublichen Aktion einen 15 jährigen Florestan Sohn – „Florentino“ –  geliehen…  Ich hatte ihn nur 15 Minuten ausprobiert und dann haben der Bundestrainer und ich beschlossen, ihn zur Quali nach Überherrn mitzunehmen. Dort bekam er den Chip und FEI Pass, der von unserer Mannschaftsärztin Bernie Unkrüer aus Warendorf abgeholt wurde. So konnte ich noch starten und habe tatsächlich die EM Quali geschafft. Darüber freue ich mich so richtig!“

Trotz des „Überraschungspferdes“ sieht die Pferdesituation bei Britta Näpel eher mau aus. Leider würden Para-Reiter selten die passenden Pferde bekommen. Einfach zu selten gäben Züchter ihre Tiere in die Obhut eines Para-Reiters, dabei kann man ihnen ihr reiterliches Können wohl kaum absprechen, da viele von ihnen sogar im Regelsport erfolgreich unterwegs sind.

„Es ist eigentlich überhaupt nicht so schwer, das passende Pferd zu finden, wenn man denn welche angeboten bekommen würde!! Im Prinzip brauchen sie nur einen guten Schritt und Trab und sollten bis Klasse L ausgebildet sein – ich habe keine Probleme damit, dem Pferd den „Rest“ schon selber beizubringen… Wir haben an die Züchter und Zuchtverbände über die FN einen Rundruf gestartet, um sich nach einem geeigneten Pferd für mich umzusehen, aber es hat sich leider bislang keiner gemeldet. Das macht mich irgendwie schon traurig… Aber vielleicht stellt mir ja doch noch jemand ein Pferd zur Verfügung, die Hoffnung gebe ich nicht auf!“ Ein Pferd aus eigenen Mitteln zu erwerben ist oft schwierig, da diese schon häufig für andere behindertengerechte Dinge wie Auto und Co. ausgegeben werden müssen.

Sponsoren wären da natürlich sehr hilfreich, aber die Situation ist nach wie vor leider alles andere als rosig. Die Akzeptanz durch die FEI tut den Parareitern zwar gut, die große Sponsorenflut brachte dies allerdings nicht mit sich. „Wir Parareiter lieben unsere Pferde und tun alles für sie, wir reiten nach der klassischen Ausbildungsskala und sind bestrebt, das Pferd bei jeder Reiteinheit schöner und harmonischer werden zu lassen. Wir brauchen die Hilfe und das Vertrauen der Züchter und Sponsoren, dass wir alles zum Wohle des Tieres machen und den Ehrgeiz  „vorne mitzumischen“ haben wir selber – bitte helft uns bei der Pferdesuche, damit  Deutschland im Parasport nach wie vor was mitzureden hat!“

Aquilina wird Britta auf jeden Fall nach der EM zu Frau Weiß zurückgeben: „Ich möchte Aquilina dieses ständige Hin und Her der Bezugspersonen nicht immer antun, sie ist sensibel und wenn ich sie nicht erwerben kann, ist es für mich in Ordnung, wenn ich sie nicht mehr reite – ich suche nach einem jüngeren Pferd, gerade in Hinblick auf die nächsten Paralympics, bei denen Aquilina schon 18 wäre und wahrscheinlich schon zu alt für die Flugstrapazen nach Rio…“

Trotzdem freut sie sich, noch einmal ihre traumhafte Aquilina reiten zu dürfen: „An Aquilina schätze ich besonders, dass sie sich auf den jeweiligen Reiter ganz und gar einlässt, der sie reitet – sie geht unter der Tochter von Frau Weiß oder Frau Weiß oder mir, obwohl wir alle unterschiedlich reiten, immer gleich. Ich muss sie nur kurz wieder auf meine Art der Hilfen einstellen und dann weiß sie wieder, was sie machen muss. Diese Sensibilität ist nicht immer von Vorteil, manchmal erschrickt sie vor Kleinigkeiten am Viereck, aber das ist nie gefährlich für mich und gerade diese kleinen Marotten machen sie so besonders!“

Neben den Pferden hat Britta übrigens noch ein Tier der ganz besonderen Art – Peter Fox, wie der Name schon sagt, ein Fuchs: „Wir haben bei uns an der Reithalle Großquader Stroh, die auf Eisenbahnschwellen gelagert werden, damit Luft drankommt und darunter setzt seit ein paar Jahren eine Fähe ihre Welpen. Da ich aber leider auch das Stroh für die Pferde brauche, dachte sie, es würde alles zusammenfallen und hat die Minis rausgeschleppt und einen vergessen. Er war zwei Tage alt und wurde von uns mit der Flasche großgezogen. Ich habe ihm zum Spielen eine 14 Tage ältere Labradorhündin dazu gekauft- also im Prinzip wie Cap und Capper. Er denkt, er ist ein Hund und da er nie Füchse kennengelernt hatte, konnten wir ihn nicht mehr auswildern, deshalb lebt er im Hunderudel, die ihn voll akzeptieren. Er ist kastriert und gechipt und wird wie ein Hund entwurmt und geimpft. Er frisst Hundefutter und je nach Jahreszeit auch Aprikosen, Äpfel, Erdbeeren.“

Brittas größter Wunsch hängt übrigens mit einer anderen bekannten Reiterin zusammen. Sie würde zu gerne einmal gemeinsam mit der Doppelolympiasiegerin der Vielseitigkeitsreiter, Ingrid Klimke, trainieren: „Die ist, neben Uta Gräf, mein großes Vorbild, weil sie allen Sätteln gerecht wird!“ Ein weiterer Wunsch: „Ich würde „saugerne“ mal auf einem Pferd Einer-Wechsel reiten!“

Vielleicht geht ja all das eines Tages in Erfüllung – am Ehrgeiz mangelt es Britta auf keinen Fall! Zunächst jedoch sind erst einmal alle Daumen gedrückt für die Europameisterschaft!

 

Vorstellung des Teams der deutschen Para-Dressurreiter für die Europameisterschaft 2013 in Herning.

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